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Vorteile und Herausforderungen

Der vergängliche Ruhm großer Bühnen: Was bei Major-Festivals wirklich abgeht

Tipps für Musiker und Bands von Doktor Nic
veröffentlicht am 15.03.2019

festivalorganisation gig

Der vergängliche Ruhm großer Bühnen: Was bei Major-Festivals wirklich abgeht

Lässiges Bad in der Menge beim Festivalgig. © Thibault Trillet / pexels

Die nächste Openair-Saison ist nicht weit. Hier liefert euch Doktor Nic seine persönliche Pro und Contra-Liste großer Events gegenüber kleineren Festivals oder Clubshows. Und er gibt Tipps, was zu beachten ist, wenn ihr das erste Mal dort mitmischen dürft.

Haben die meisten Musiker nicht den Traum, einmal auf einer dieser riesigen Festivalbühnen vor tausenden Leuten zu spielen? Beneidet der Kleinkünstler nicht manchmal insgeheim die Band, die bei Rock Am Ring, Open Flair & Co. den großen Reibach macht? Nun, viele der Mythen über den Glamour, den große Festivalshows mit sich bringen, sind wahr – doch oft ist auch nicht alles Gold was glänzt.

Ein absolutes Pro: Die Backstagesituation

Das möchtet ihr ehrlich gesagt nicht missen: Ein waschechter Festivalbackstage ist schon etwas anderes, als der mit Sofas vollgestellte Raum unter dem Jugendheim. Anständige Garderobenmöbel, Spiegel, ein eigenes Bad, Catering und vor allem Platz!

Als ich dieses Jahr das erste mal mit meiner Band das Backstagedorf des Wacken Open Airs betreten durfte, wollte ich am liebsten nicht mehr weg. Unter strahlendem Himmel tummeln sich Künstler und Industrielle um Biertische, trinken leckere Getränke oder bedienen sich am üppigen Buffet. Gitarrenprofis für technische Probleme, ein Shoutcoach, Masseure und sogar ein Tätowierer waren anzutreffen. Die Garderobe ist komplett eure für den besonderen Gig, den ihr bald spielen werdet und alles läuft in geordneter Ruhe.

Nichts für jeden: strikter Zeitplan!

Wenn ihr auf Shows gern in der Menge herumschlendert, euch viel Zeit beim Aufbauen lasst und 60 Sekunden vor offizieller Stagetime noch auf eine Zigarette und einen Toilettengang besteht, könnten Festivalkonzerte gewöhnungsbedürftig für euch sein.

Die Stagemanager haben irre viel zu tun und das Festival muss einfach so problemlos wie möglich laufen. Deshalb bedeutet 20 Uhr auch 20 Uhr und nicht 20.05 Uhr.

Wir hatten sogar eine feste Zeit, zu der wir zur Bühne gefahren werden mussten. An unserem Spieltag auf dem Wacken Open Air war kein Flanieren über das Gelände, sondern Vorbereitung auf die Show und Bereithalten angesagt. Das nimmt einem nicht gerade die Anspannung, wenn man das nicht gewöhnt ist.

Stagemanager: Don’t worry about a thing

Ich habe meinen größten Respekt vor den meisten Stagehands, Tontechnikern und Stagemanagern. Auf jedem Festival, das wir bisher bespielt haben, waren diese Leute unsere besten Freunde. Profis, die tatsächlich vorher die Techrider jeder Band lesen, die beim Aufbau helfen, an eurem Sound basteln und auch kurzfristig auf technische Defekte oder Wünsche reagieren können.

Ein Beispiel: Aufgrund des straffen Zeitplans dachten wir einmal, dass unser Walk-In-Intro einfach nicht gebraucht wird. Kurz vor der ersten Festivalshow, als das Thema aufkommt, wird innerhalb von 5 Minuten ein CD-Player aufgetrieben und angeschlossen, um uns einen pompöseren Auftritt zu verleihen! Solche Dinge müssen natürlich vorher abgesprochen werden – ein toller Stagemanager hat aber auch eine ungeplante Situation fest im Griff.

Wichtig ist, dass ihr diese Leute mit viel Respekt behandelt!

Merchandise verkaufen kostet meistens

Das Thema Merchandise ist für kleinere Bands, die große Festivals spielen, oft ein leidiges. Erfahrungsgemäß geht ihr mit eurem Mini-Merchstand mit zwei, drei Artikeln schnell unter, wenn die Headliner ihre Wände an Shirtmotiven hochziehen. Noch dazu zahlt ihr einen Prozentsatz aus euren Merch-Einnahmenan das Festival. Nicht immer sehr lukrativ!

Doch auch hier gibt es Ausnahmen oder Tricks, wie ihr aus dieser Situation das beste machen könnt:

  • Wenn ihr eine wirklich kleine Band, Opener o.ä. seid, dann könntet ihr beim Zuständigen fragen (am besten vorab!), ob ihr von der Bühne aus verkaufen dürft. Nach eurem Konzert kommen dann genau die, die ich geil fanden, auch sofort zu euch!
  • Wenn das nicht geht, stellt sicher, dass ihr Gratis-Giveaways habt! Sticker oder kleinere Textilien eignen sich super dazu, bei den Gästen im Gedächtnis zu bleiben, die mit ihrem Plastikbecher in der Hand die Mercharea hinunter flanieren. Sie werden sich eventuell nicht für euren Kram interessieren – die wenigsten schlagen aber Gratis-Zeugs aus!
  • Habt hochwertiges Merchandise und setzt auf Textilien und nicht auf Tonträger: Auf Festivals werden seltener Schallplatten gekauft. CDs häufiger, aber auch nicht sehr viel. Seht zu, dass ihr auf das Festival stylische T-Shirts und sonstige Textilien mitbringt, damit die Leute im Zweifel auf euren Kram aufmerksam werden, weil er einfach gut aussieht.
  • Erkundet euch aber vorher über Eintritts- und Getränkepreise des Festivals und über die Kaufkraft der Zuschauer. Normalerweise sind diese Festivals so teuer, dass sich die Leute zweimal überlegen, ob sie noch ein weiteres Shirt kaufen oder nicht. Das ist vor allem bei Festivals so, deren Stammpublikum 20 ist. Andere Festivals wiederum werden eher von 30-jährigen besucht, die sich auch schonmal zu einem Lustkauf am Merchtisch breitschlagen lassen. Wieder andere Festivals bieten Drink-Flatrates, die ihm Eintritt mit inbegriffen sind an. Spielt ihr so eins, dann haben die Leute Geld dabei – und ihr solltet versuchen, das für euch zu nutzen.

Die Sache mit der Etikette

Dies ist ein sensibleres Thema: Ihr seid es als true Rockband gewohnt, biersaufend und grölend nach euren Gigs durch die Crowd zu jagen? Ihr macht euch nicht viel aus Networking und der Arbeit, die nach einem Auftritt so auf euch zu kommt? Nun…

Große Gigs, ich meine wirklich große, laufen da leider etwas anders.

Ja, da wird auch gut gefeiert und ich will nicht lügen, wenn ich nicht den ein oder anderen Prominenten peinlich zugedröhnt auf Tischen hätte tanzen sehen. Als kleine Band solltet ihr euch, so die Auffassung der meisten Leute, die ich aus diesem Milieu so kenne, etwas zurückhalten. Ihr trefft in der Regel auf Kontakte, die euch weiterbringen können: Journalisten, die euch kennenlernen wollen. Labelscouts, die vielleicht an Showcases mit euch interessiert sind. Oder einfach Künstler, die ihr sehr verehrt.

Bleibt euch selbst treu und küsst keine Hintern, aber seid auch nicht dumm und lasst euch die Chance entgehen, vorsichtig einen Zeh ins Wasser der großen Fische zu tauchen. Man wird euch viel Unsinn erzählen und Leute werden auf euch zukommen mit ominösen "Plänen für eure Zukunft". Vielleicht werden auch Leute über euren Auftritt meckern. Im Großen und Ganzen lohnt es sich jedoch, sich nett und offen zu verhalten und so wenig Scheiße wie möglich zu bauen. Und bedankt euch – wirklich – vom Einlasser bis zur Putzkolonne.

Deutsche Bürokratie ist leider kein Spaß

Ich persönlich hege die meiste Abneigung gegen den ganzen Papierkram, um den ihr aber häufig nicht herumkommt. Große Festivals zahlen meistens nicht bar, sondern lassen euch eine Rechnung schreiben. Mit Steuernummer und allem drum und dran. Viele überweisen euch auch einen Anteil vorher, damit die Anreise gewährleistet ist. Ansonsten gilt es, GEMA, Info-Sheets, Rider, Verzichtserklärungen usw. über euch ergehen zu lassen.

Lebt einfach damit, denn das muss einfach gemacht werden.

Vergänglicher Ruhm

Das Hauptproblem, das viele Bands jedoch haben, ist, dass sie davon ausgehen, dass ein großer Gig für sie den Durchbruch bedeutet. Das ist – und hier spreche ich mit felsenfester Sicherheit, dass nur wenige Ausnahmen bestehen – nicht (mehr) so.

Ich kannte Bands, die Rock am Ring gespielt haben und sich danach für Stars hielten. Ein Jahr später waren sie weg und spielten einmal jährlich in unserer Stadt einen Kneipengig: Game Over. Solche Gigs bringen euch viel Ruhm, der schnell wieder abflaut, wenn man nicht konstant am Ball bleibt. Falsches Management kann schon dazu führen, dass dies euer erster und letzter großer Auftritt war.

Es gibt genug Bands, die sich nach diesen Festivals konstant auf einem Level halten oder weiter nach oben kommen. Die nutzen jedoch auch ihre Ressourcen: Bilder und Videos von ihrer ruhmreichen Show werden für alles Mögliche genutzt. Danach wurde nicht lang gefackelt und mit dem kleinen Funken Hype eine Flamme ausgelöst, indem die richtigen Booker und Verleger angesprochen, die richtige Presse und die richtige Öffentlichkeitsarbeit gemacht worden ist.

Die Leute nach einem kurzen Aufkeimen bei der Stange zu halten, aus Interessierten jetzt Fans zu machen, die eure Musik hören und kaufen – das ist die absolute Königsdisziplin, an der unendlich viele Bands scheitern.

Es heißt also: nehmt den Aufwind, den euch eine große Show beschert hat und setzt ihn in noch mehr Arbeit und noch mehr Energie und noch mehr Zeit um. Wer sich zurücklehnt und wartet, dass die Leute ganz von selbst kommen, der versteht die heutige Branche nicht.

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