×

Konzerte auf "Pay what you want"-Basis

Gigs "auf Hut spielen": Sind Hutdeals Abzocke oder Chance für Bands und Soloacts?

Tipps für Musiker und Bands von Chris Histel
veröffentlicht am 08.11.2019

gage musikereinkommen booking

Gigs "auf Hut spielen": Sind Hutdeals Abzocke oder Chance für Bands und Soloacts?

Hutdeals - Abzocke oder Chance?. © lightfieldstudios / 123RF

Die Meinungen gehen weit auseinander: Während Musiker wie Hannes Wittmer bewusst Konzerte auf "Pay what you want"-Basis anbieten, geht anderen Acts bei dieser Vorstellung sprichwörtlich genau der Hut hoch, in dem die gespendete Gage eigentlich landen soll. Chris Histel erkennt berechtigte Einwände, sieht jedoch auch die Chancen von Gigs, die "auf Hut" gespielt werden.

In der letzten Zeit erzählen mir immer mehr Musiker/innen, dass Locations versucht haben, sie “abzuzocken”. Sie erzählen davon, dass sie Veranstalterpflichten übernehmen oder auf Hut spielen sollten. Die Bedenken, solche Deals anzunehmen sind groß. Viele Newcomer fragen sich: Ist das so ok oder handelt es sich um Abzocke?

Um diese Frage zu beantworten, müssen wir versuchen, die Hintergründe dieser Veranstalter besser zu verstehen. Dazu sind weitere Fragen nötig.

Was hat der Veranstalter davon, uns spielen zu lassen?

Was können wir ihm bieten? Ziehen wir lokal 200 Leute, hat der Veranstalter ein volles Haus und ist sehr wahrscheinlich zufrieden. Ziehen wir aber wesentlich weniger Leute, wird es schwer zu erklären, worin jetzt der Benefit darin liegt, uns spielen zu lassen. An dieser Stelle sagen mittlerweile viele Locations: "Wir vermieten euch den Raum." Natürlich gehen wir dann selbst in die Veranstalter-Rolle – mit allen Vor- aber auch allen Nachteilen und Verantwortlichkeiten.

Warum macht die Location das eigentlich? Uns den Raum zu vermieten ist eine Möglichkeit, uns dort einen Gig spielen zu lassen. Wenn ihr euch jetzt sagt: "Ja, dann machen wir ja aber Minus!" Genau so geht es dem Veranstalter, wenn er eine unbekannte Band spielen lässt.

Die meisten Läden sind nicht gefördert, zahlen also alles aus eigener Tasche und auf eigenes Risiko. Da ist es nur naheliegend und legitim, dieses Risiko vermeiden oder abtreten zu wollen. Der Veranstalter hat dabei zwei Möglichkeiten. Entweder er erteilt uns eine Abfuhr (indem er z.B. auf unsere Mails nicht antwortet) und lässt uns gar nicht spielen – oder er vermietet uns den Raum.

Das empörte Veto der Bands wirkt erstmal berechtigt:

“Ja, aber der nimmt ja die Getränkeeinnahmen ein!“

Ja, das stimmt. Aber er stellt auch Personal, wenn er uns spielen lässt – und das muss er bezahlen. Und wenn bei uns nur 30 Leute kommen, kann er unter Umständen seine Kosten selbst nicht decken.

Was kann eine Newcomer-Band machen, wenn sie spielen will, ohne Minus zu machen?

Sie bietet dem Veranstalter etwas, wovon dieser auch selbst etwas hat.

Ein Beispiel dafür wäre, sich mit ein bis zwei “Local Heroes” zusammenzuschließen, die ordentlich Leute ziehen und einen kompletten Abend als Konzept anzubieten. Wenn der Veranstalter bzw. die Location in dem Konzept Potential sieht, dass da wirklich Leute kommen, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass sie selbst den Abend veranstaltet, da das Risiko geringer ist.

Wenn wir nun schon dabei sind, uns in den Veranstalter zu versetzen, können wir uns auch das Konzept “Hutdeal” mal genauer anschauen.

Hutdeal – Abzocke oder Chance?

Der Hutdeal gibt Veranstaltern ebenfalls die Möglichkeit, uns spielen zu lassen. Mal realistisch betrachtet: Wenn wir in seiner Kneipe spielen und nicht die oben bereits erwähnten Leute ziehen, bringen wir dem Inhaber in den meisten Fällen nichts.

Ich habe sogar schon miterlebt, dass Kneipenbesucher gegangen sind, weil sie sich eigentlich unterhalten wollten und dann die Musik zu laut war. Natürlich kann man dann über das Publikum schimpfen, das sich nicht für Kunst interessiert – aber wir wollen ja die Dinge zu unseren Gunsten wenden, die wir beeinflussen können und die in unserer Macht stehen.

Im schlimmsten Fall kostet es also den Inhaber Gäste, wenn er uns spielen lässt. Ja, vielleicht kommen unsere Freunde, wenn wir spielen. Und trinken dann im blödesten Fall pro Person eine einzige Cola über den Abend. Letzteres ist keine Vermutung, sondern ein glasklares Feedback, das ich immer wieder von Kneipen bekomme, die Konzerte veranstalten.

Was bringt es dem Inhaber also, uns Gage dafür zu zahlen, dass wir in seinem Laden spielen? Wenn wir nicht genug Leute ziehen: Nichts, außer Kosten. Da wir aber lösungsorientiert an das Thema rangehen, schauen wir doch mal, wie wir den Gig trotzdem bekommen.

Jetzt kommt der Hutgig ins Spiel:

  1. Damit hat der Inhaber zumindest die Möglichkeit, uns spielen zu lassen, ohne zusätzliche Gage für diesen Abend zu zahlen. Die paar Gäste, die vielleicht gehen, nimmt er uns zuliebe in Kauf, weil er auf unsere Musik steht (oder ganz einfach uns persönlich mag).
  2. Und für uns als Band bringt der Hutdeal noch einen weiteren Benefit. Er senkt die erste Hemmschwelle: den Eintritt. Damit bringt er Leute aufs Konzert, die sonst vielleicht nicht gekommen wären und die wir jetzt von uns überzeugen können. Denn die sollen auf der nächsten Show ja Eintritt zahlen und Merch kaufen.

Viele Musiker sagen jetzt:

“Der Hut bringt gar nix, die Leute werfen da nix rein oder nur Kupfer. “

Ja, die Leute, die da ihr Kleingeld loswerden wirst du immer wieder haben. Ich habe schon erlebt, dass Leute Kleingeld in den Hut geworfen haben, die selbst Musiker sind und es besser wissen sollten.

Für alle Besucher von Hutgigs, die das lesen: Einen Fünfer (Euro, nicht Cent!) solltet ihr bei einem Hutgig mindestens in den Hut werfen. Und wenn euch die Band vom Hocker reißt natürlich gerne auch mehr.

Aber zurück zu uns als Musiker: Diese Leute, die ihr Kleingeld in den Hut werfen, wirst du immer haben. Aber das sind nicht die meisten. Die meisten sind bereit, Geld in den Hut zu werfen, wenn… – und das ist der entscheidende Punkt, von dem abhängt, ob ein Hutgig sich lohnt oder nicht... – die Band, die da steht, die Leute wirklich begeistert.

Ich selbst habe mit Bands, die ich begleitet habe, sehr gute Erfahrungen mit Hutgigs gemacht. Und meine Erfahrung aus sehr vielen Hutgig-Abenden mit unterschiedlichsten Bands ist: Bands, die das Publikum begeistern, haben in den allermeisten Fällen auch was im Hut!

Zwei Vorteile des Huts

Heißt das jetzt, wenn wir nicht genug im Hut haben, war unsere Performance schlecht?

Ja, das kann tatsächlich sein. War der Gig ein Gewinn für die Leute, von dem sie am Montag ihren Arbeitskollegen oder ihren Freunden erzählen? Falls nein, haben wir hier Luft, uns zu verbessern. Es kann tatsächlich sein, dass wir einen schlechten Abend hatten, dass unsere Performance oder sogar unsere Songs einfach nicht gut genug waren. Aus meiner Erfahrung liegt da allerdings auch die Lösung für die ewige Hutgig-Diskussion und hier liegt außerdem noch ein weiterer Benefit für uns als Musiker versteckt.

Liegt nach einem solchen Gig zu wenig im Hut, sollten wir uns unsere Songs und unsere Performance nochmal anschauen. Haben wir die Leute begeistert? Haben wir die Leute mitgenommen? Ganz extrem kommen diese Fragen bei Straßenmusik ins Spiel, von denen die Idee mit dem Hut in Clubs und Kneipen gewandert ist. Ein paar der Tipps für die Straße können wir also auch in vier Wänden für uns nutzen.

Aus meiner Sicht sind deshalb Hutdeals super für zwei Sachen – und zwar aus Musikersicht!

  1. Wir bekommen einen realistischen Reality Check – bin ich live wirklich gut genug und reiße ich das Publikum mit? Falls nein, wissen wir genau, woran wir arbeiten müssen und können es ganz gezielt verbessern und beim nächsten Hutgig testen. Wir sollten das als Chance sehen, uns zu testen und gezielt zu verbessern.
  2. Falls wir das Publikum bewegen, können wir hier als Newcomer Geld verdienen, um uns zu refinanzieren. Und je öfter wir das machen und je mehr sich herum spricht, dass wir diese Wahnsinnsband sind, die man unbedingt gesehen haben muss, umso mehr Geld landet mit der Zeit im Hut.

Hutgigs sind ideal, um eine lokale Fanbase aufzubauen und nach einer Weile werden wir auch in der Lage sein, eigene Shows zu spielen, zu denen Leute kommen. Wegen uns. Und sie werden dafür Eintritt zahlen.

Die wichtigsten Punkte zusammengefasst

Fällt das Spielen auf Hut jetzt unter Abzocke? Wir beobachten grade eine gleichzeitige Entwicklung in zwei Richtungen. Clubs sterben, weil sie zu geringe Einnahmen haben. Gleichzeitig wächst der Markt für Live-Erlebnisse wie Konzerte und Events. Mit dem Konzept "Hut" kannst du vermeintliche Abzocke in eine Chance verwandeln, in der alle gewinnen.

Wenn du irgendwo spielen willst, solltest du dem Veranstalter in irgendeiner Form etwas bieten, das ihm tatsächlich etwas bringt. Wenn du selbst noch keine Leute ziehst, dann organisier einen gemeinsamen Abend mit Leuten, die das tun. Wenn du irgendwo noch nicht hundert und mehr Leute ziehst, sind Hutdeals ein ideale Möglichkeit, dir eine Fanbase aufzubauen, deine eigene Qualität zu überprüfen und zu verbessern und Geld reinzuspielen.

Gib Locations und Veranstaltern die Chance, dich spielen zu lassen und bastel ein Event zusammen das Leute zieht und dich einem neuen Publikum präsentiert. Der Veranstalter wird dich in guter Erinnerung behalten und gleichzeitig verbesserst du dich und baust deine Fanbase auf.

Welche Erfahrung hast du selbst mit Gigs auf Hut gemacht?

Auch interessant

Ähnliche Themen

Konzertgagen im Reality Check: Sechs Tipps, um einen passenden Deal auszuhandeln

Non-Profi(t) = Non-Commercial?

Konzertgagen im Reality Check: Sechs Tipps, um einen passenden Deal auszuhandeln

veröffentlicht am 01.10.2019   84

Festgage, Door-Deal, After Break und Co: Typische Deals für Bands im Überblick

Wer bekommt wann was und warum?

Festgage, Door-Deal, After Break und Co: Typische Deals für Bands im Überblick

veröffentlicht am 16.07.2019   91

Wie man als Coverband an Gigs kommt und welche Gage drin ist – Die Erfahrungen der Band eXXited

"Wenn man nicht bedient, was gewünscht ist, wird es schwierig"

Wie man als Coverband an Gigs kommt und welche Gage drin ist – Die Erfahrungen der Band eXXited

veröffentlicht am 02.07.2019   53

Umfrage zur Gage: So viele Musiker sind bereit, umsonst aufzutreten

Große Teilnehmerzahl. Die Ergebnisse.

Umfrage zur Gage: So viele Musiker sind bereit, umsonst aufzutreten

veröffentlicht am 12.09.2017   150